Nackte Haut und nackte Tatsachen
Geschrieben von Ute Kretschmer-Risché | Blog

Wer eine Anzeige oder einen Spot schaltet, will höchste Aufmerksamkeit. Aber wie? Das ist die Königsfrage der Werbung. Worauf stehen Konsumenten, was lässt sie hinschauen? Viele Werbeagenturen bleiben beim großen A der AIDA-Formel stehen. Allein Attention ist wie Essen kochen ohne danach zu essen. Mit null Effekt. Aber nach A wie Attention kommen nunmal I wie Interest, D wie Desire und A wie Action. Eine gute Werbung darf nicht nur auffallen. Kunden wollen zu recht einen Effekt: meistens in Form von Produktkauf oder einer anderen Aktion zugunsten des Beworbenen.

Können Sie spontan sagen, welche aktuelle Werbung Ihnen gerade gefällt? Na? Wie oft höre ich: „Ooch Werbung, das ist doch langweilig. Da schalte ich weg.“ Blättere um oder höre gar nicht erst zu. Vor ein paar Tagen gewann ein Spot bei mir höchste Aufmerksamkeit. Umfeld eines Fußballspiels auf sky: Ist das nicht? Ja, Wahnsinn. Das ist doch Ringo Starr, der da ganz entspannt trommelt!! Vor lauter Begeisterung habe ich nicht mal mitbekommen, für welches Unternehmen er wirbt. Irgendwas mit Schuhen. Mit Schuhen? Ringo Starr? Egal!

Von wegen egal. Ich habe den Spot jetzt 4 Mal gesehen und weiß immer noch nicht, wer da eigentlich wirbt. Schade. Vielleicht bin ich aber auch nicht die Zielgruppe. Wer weiß. Zumindest schaue ich gerne hin. Die erste Hürde von A wie Attention ist geschafft. Wahrscheinlich muss ich den Spot jetzt 100 Mal sehen, damit sich der Schuhname bei mir einhämmert. Ein teurer Spaß für den Auftraggeber von Ringo Starr. Aber ein probates Mittel.

Geht es noch anders? Beim Stichwort „probates Mittel“ muss ich grinsen, hatte ich doch versehentlich „PObates“ Mittel geschrieben. Ausdruck meines Unterbewusstseins?!! Also, ein anderes probates Mittel ist immer mal wieder „Sex sells“. Aber stimmt das auch? Laut einer Studie der Universität Ohio ist das ein großer Trugschluss (Quelle: faz.net). Bei 50 psychologischen Tests mit mehr als 8000 Teilnehmern zeigten die Probanden (!) zwar Reaktionen, wenn sie nackte Haut sahen. Aber die Einschätzung, ob sie die Werbung bzw. das beworbene Produkt positiv finden, fiel negativ aus.

Warum? Psychologen sagen: Nackte Haut lenkt ab. Vor allem Männer (!) würden zu sehr vom eigentlichen Produkt und dem Unternehmenslogo abgelenkt. So wie vor Jahren als Anna Nicole Smith an tausenden Straßenecken warb. Alle Blicke auf ihre Kurven. Doch welche Dessous sollten damit noch mal verkauft werden? Fehlanzeige, null Ahnung. So wie bei mir und dem durchaus angezogenen Ringo Starr! Null Effekt für die beworbenen Schuhe oder was sonst so im Mittelpunkt des Interesses stehen sollte. Dazu kommt: Gerade bei älterem Publikum setzt sich unbewusst eine Abneigung gegen Produkt und Unternehmen fest, wenn es um Sex geht.

Insgeheim denke ich: Hoffentlich liest das ein ganz bestimmter Kollege von mir. Unter hunderten Anzeigen würde ich immer sein Werk erkennen. Egal welches Produkt, er zeigt stets laszive Frauen mit mal mehr oder weniger entblößten Stellen, die das eigentliche Produkt der Begierde präsentieren. Ob das für den Kunden und seinen Werbeetat Sinn macht oder eben nicht. Ich bin mir sicher, das läuft sich tot. Und bis dahin amüsiere ich mich über einfallslose, altbackene Werbung mit nackten Köperteilen.

Was meinen Sie? Bitte schreiben Sie mir.

ute.rische@agentur-exakt.de